Sehnsuchtsort Jerusalem – Predigt zu Jes 66,10-14 (Lätare)

Liebe Gemeinde, kennen Sie Baldenburg? Kreis Schlochau, Pommern? Nein? Ich auch nicht. Beziehungsweise nur aus Erzählungen.

Meine Oma ist dort geboren. Gefühlt ist sie direkt von dort vor der Roten Armee geflohen, aber eigentlich hat sie dazwischen in Berlin gelebt und ist nach der Flucht in Regensburg gelandet, wo Jahrzehnte später ich geboren wurde.

Ihre Heimat blieb Baldenburg im Kreis Schlochau in Pommern.

Sie trat der Pommerschen Landmannschaft bei, ihr Mann – gebürtig aus Düsseldorf – wurde dort Schriftführer, einmal nahmen sie mich als kleinen Jungen zum Landsmannschaftstreffen mit, ich erinnere mich etwas daran. Viele Leute, die über eine unbekannte Heimat redeten.

Zum Kreis Schlochau, so habe ich bei meinen Nachforschungen erfahren, gibt es eine Heimatstube und einen Heimatkreis, der alle Pommern aus der Gegend und ihre Nachfahren vernetzen möchte. Und in diesem Heimatkreis eine Arbeitsgruppe Baldenburg. Einer dieser Arbeitsgruppe hat mich mit sehr viel Informationen über Baldenburg versorgt: Baldenburg wurde im Krieg zu 80% zerstört und dann neu von Polen besiedelt. Nach der Flucht wurden in Deutschland alte Bilder gesammelt, Strassenverzeichnisse und die Bewohner der Häuser rekonstruiert.

In den 70ern und 80ern wurde das heutige Bialy Bor besucht und nach Spuren der Vergangenheit gesucht.

Baldenburg, so scheint es mir, ist Sehnsuchtsort derer, die Vertrieben wurden. Die Stadt ist mehr als nur Strassen und Häuser. Es ist ein Heimatgefühl. Eine Erinnerung an eine Zeit, die längst vergangen aber den Leuten wichtig ist.

Orte wie Baldenburg gibt es viele in Pommern und Ostpreußen, in Schlesien, dem Sudetenland oder der Bukowina.

Unser heutiger Predigttext nimmt uns weg aus Pommern in den Nahen Osten, in das damalige Babylonien, der heutige Irak.

Er entführt uns in die Vergangenheit, 2700 Jahre zurück.

Wie vor 80 Jahren geht es um die Spuren der Kriege, darum die Heimat zu verlieren und woanders an Sie zu denken. Und auch damals geht es um eine Stadt, die für viel mehr steht: Für eine Sehnsucht, ein Heimatgefühl.

Hören Sie den Predigttext aus dem 66. Kapitel des Jesajabuches (Basisbibel, Jes 66,10-14):

Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt,

alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt!

Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten!

Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum!

Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss.

Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen.

Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt.

Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.

In Jerusalem werdet ihr Trost finden.

Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.

Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras.

So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten.

Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.

Jerusalem. Sehnsuchtsort des jüdischen Volkes über Jahrhunderte. Sinnbild der verlorenen Heimat und der Verbundenheit mit Gott. Der Stadtberg, der Berg Zion, wird zum Gottesberg.

Dies gilt vor allem, nachdem die Oberschicht des Königreichs Juda mit der Hauptstadt Israels nach Babylonien verschleppt wurde. Für 6 Jahrzehnte waren Sie dort und dann geschah das Unglaubliche: Sie durften zurückkehren. Zurück in die Heimat, den Sehnsuchtsort, das überhöhte und doch reale Jerusalem.

Und wie es manchmal so ist, wenn man nach Jahrzehnten zurückkehrt oder die Orte der Eltern nur aus Erzählungen kennt: Es ist so ganz anders als gedacht.

Das zum Teil zerstörte Jerusalem wurde anders aufgebaut als vorher.

Juden hatten sich gemischt mit Babyloniern und anderen Völkern. Viele hatten ihre religiösen Gebräuche und Götter mit übernommen.

Die Stimmung war angespannt mit diesem sogenannten Heimkehrern. Die wollten alles so wie es früher war, den Tempel wieder aufbauen, aber es war halt schon lange nicht mehr so.

Und für die Heimkehrer hieß es: sich ein neues Zuhause in der alten und gleichzeitig neuen Heimat aufzubauen.

Mitten hinein in diese Situation: Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt!

Freut euch! Mancher wird es nicht sofort gespürt haben. Wie ist in der Situation des Konflikts, der Anspannungen, des Aufbaus Grund zur so übermäßigen Freude?

Ist nicht eher Vorsicht angebracht?

Außerdem: War es nicht schöner in Babylon, da hatte man sich doch die letzten Jahrzehnte ein bequemes Leben aufgebaut, warum nun hier, an einem Ort, den den sich die Eltern und Großeltern oder noch früher zurücksehnten, aber man selbst?

Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss.

Was für eine Zusage. Gerade jetzt wo Raketen fliegen und Bomben fallen. Wo Jerusalem wieder unter Beschuss ist, die Gegend des damaligen Babyloniens und Persiens ebenso, wo man das Gefühl hat: Da hat sich seit 2500 Jahren wenig geändert.

Und ja: Jerusalem hatte wenig Frieden. Israel lag schon immer eingeklemmt zwischen den Großmächten, das Meer im Rücken, ein Ziel der Eroberungen für Jahrhundert.

In dieser Stadt Frieden, der sich ausbreitet wie ein Fluss?

Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen.

Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt.

Das ist Zukunftsmusik. Es ist Hoffnung, die weit aus der Zukunft zu uns durchscheint. Die Vertrauen auf Gott braucht.

Aber die, die da zurückgekehrt sind, die haben Erfahrungen gemacht, die dieses Vertrauen rechtfertigen.

Jahrzehnte haben sie gehofft zurückzukehren in ihre alte Heimat.

So wie man in den alten Rundschreiben der Landsmannschaften davon lesen kann, wie schön es wäre doch zurückzukehren.

Während die alten Ostgebiete nie wieder so werden, wie sie in der Erinnerung waren, kehren sie zurück.

Sie bauen den Tempel wieder auf. Sie errichten wieder eine Hauptstadt Jerusalem.

Ihre Hoffnung, ihr Vertrauen auf Gott hat seinen Grund.

Und Gott sagt den Menschen damals so wie uns heute zu:

Vertraut weiter auf mich. Auch wenn ihr den nächsten Krieg fürchtet.

Wenn ihr Angst habt. Wenn ihr verzagt. Dann verspricht uns Gott: Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.

Amen.

Comments from Mastodon:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert